Aerosole im Fokus

Aerosole im Fokus

Das Corona-Vokabular ist seit ein paar Tagen um ein Wort reicher: Aerosole sind in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Was aber sind Aerosole, wie entstehen sie und welche Gefahr geht von Aerosolen tatsächlich aus? Wir fassen hier für Sie den aktuellen Forschungsstand zum Thema Aerosole zusammen und zeigen Ihnen, was Aerosole für Ihr tägliches Leben bedeuten können.

Dass das Coronavirus unter anderem durch Tröpfchen übertragen wird, ist nicht neu. Neu ist hingegen, dass sogenannte Aerosole in Verbindung mit einer Corona-Infektion genannt werden. Unter anderem sollen diese Aerosole die Hauptursache für die Masseninfektion in einem nordrhein-westfälischen Schlachtbetrieb gewesen sein, bei dem sich jüngst über 1000 Menschen infiziert haben.

Was sind Aerosole

Aerosole werden immer wieder mit den Tröpfchen gleichgesetzt, die wir beim Sprechen, aber vor allem beim Niesen oder Husten freisetzen. Das ist jedoch falsch. Die beim Husten oder Niesen freigesetzten Tröpfchen bestehen aus Speichel. Sie sind schwer und fallen daher sofort zu Boden. Das ist der Grund, weshalb wir uns an die Abstandregeln halten sollten, denn weiter als anderthalb Meter fliegen diese Tröpfchen in der Regel nicht. Aerosole hingegen sind Partikel in Nanogröße. Sie verhalten sich in unserer Umgebungsluft wie Gase. Das heißt, sie können lange Zeit schweben. Je nach Größe wabern solche Aerosolteilchen zwischen mehreren Minuten bis zu mehreren Stunden um uns herum. Das COVID Virus kann sich an diese Schwebteilchen andocken und sie so als Transportmittel nutzen. Genau das macht die Aerosole so gefährlich. Während wir bei der herkömmlichen Tröpfchenübertragung zwingend in nahem Kontakt mit einem Infizierten sein müssen, reicht es bei der Übertragung durch Aerosole aus, wenn wir einen Raum betreten, in dem sich mindestens ein Infizierter aufgehalten hat. Dieser Aufenthalt kann mehrere Minuten vor unserem Eintreffen stattgefunden haben. Wir brauchen also keinen direkten Kontakt mit dem Überträger. Ähnlich verhält es sich zwar auch mit der Kontaktübertragung, jedoch haben Studien gezeigt, dass die Viren auf Flächen wesentlich schneller unschädlich sind, als wenn sie sich mittels Aerosolen fortbewegen.

US-Amerikanische Forscher haben Probanden in einer Studie für 25 Sekunden die beiden Worte „Stay healthy“ sprechen lassen. Danach wurden die Mikrotröpfchen im Raum gezählt. Das Ergebnis ist erschreckend: Pro Minute stößt ein infizierter Mensch rund tausend Tröpfchen aus, an denen das Coronavirus hängt. Und weiter: In einem normaltemperierten Raum schweben diese Teilchen rund acht Minuten in der Raumluft. Und zwar auf Gesichtshöhe. Aus früheren Forschungen weiß man, dass etwa zehn Prozent der eingeatmeten Aerosolteilchen im oberen Atemtrakt des Menschen verbleiben. Das ist also genau der Bereich, der besonders anfällig für das Eindringen des Coronavirus ist. Das Robert-Koch-Institut weist in einer Bewertung dieses neuen Studienmateriales zudem noch darauf hin, dass Aerosole auch durch Klimaanlagen verteilt werden können.

Lüften ist wichtiger als wischen

Aus diesen neuen Forschungsergebnissen lässt sich schlussfolgern, dass von den Aerosolen in unserer Umgebungsluft eine größere Gefahr ausgeht, sich mit dem SARS-CoV-2-Virus zu infizieren, als durch den Kontakt mit Flächen, die ein infizierter Mensch berührt hat. Der Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin regt vor diesem Hintergrund ein Umdenken bei den Hygieneschutzmaßnahmen an. Wichtiger als die Desinfektion von Flächen sei ein regelmäßiges Lüften von geschlossenen Räumen. Es sei sogar zu überlegen, so Drosten, ob Räume mit Publikumsverkehr nicht in bestimmten Abständen zwingend mit Ventilatoren durchlüftet werden sollten.

Klimaanlagen kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Verantwortung zu. In nahezu allen größeren öffentlichen Einrichtungen wird die Luft mit Hilfe von Klimaanlagen aufbereitet. Der Flugzeughersteller Airbus hat darum schon reagiert und mitgeteilt, dass an Bord die gesamte Luft alle drei Minuten ausgetauscht werde. Die neue Luft ströme von der Decke in den Kabinenraum und abgesaugt werde die Luft am Boden. Aerosole könnten sich somit gar nicht in der Umgebung halten und, so Airbus weiter, dadurch sei die Luft im Flieger ähnlich sauber wie in Krankenhäusern. Anders sieht es in Büroräumen, Kaufhäusern oder Restaurants aus. Hier sollte man unbedingt darauf achten, dass die Klimaanlage nicht einfach die Raumluft ansaugt und gefiltert wieder abgibt, sondern dass die ausgegebene Luft von außen angesaugt wird.

Was bedeuten diese neuen Erkenntnisse nun für uns? Sicherlich ist der augenscheinlichste Schluss der, dass wir unter freiem Himmel am wenigsten Gefahr ausgesetzt sind, uns mit dem Coronavirus anzustecken. Gerade in den warmen Monaten sollten wir den Freibereich von Restaurants und Cafés den geschlossenen Räumen wann immer möglich vorziehen. Bei geschlossenen Räumen sollte man darauf achten, dass sie regelmäßig und angemessen belüftet werden.

Was diese Erkenntnisse in Bezug auf den Qualm von Zigaretten oder sogenannten E-Dampfern bedeuten, muss erst noch untersucht werden. Klar ist aber schon jetzt, dass es sich bei den Dampfschwaden ebenfalls um Aerosole handelt. Man sollte sich also nicht unbedingt direkt in den „Dampfbereich“ seiner Mitmenschen begeben. Und das Dauerbrennerthema Mundschutz ist natürlich auch betroffen. Der Mund-Nasen-Schutz hält die Aerosole zwar nicht zurück, er dämpft den Ausstoß jedoch ab. Ein Tragen des Mund-Nasen-Schutzes kann also tatsächlich helfen, den Aerosolausstoß abzufedern.

Foto: Pixabay

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